Do. Feb 25th, 2021

Tagungsbericht von den 8. Göttinger Freilandtagen im Dezember 2011

Evolutionäre Ansätze in der Erklärung menschlichen Verhaltens sind historisch eng mit Versuchen der Beobachtung und Erklärung von Verhalten im Tierreich und insbesondere auch der nichtmenschlichen Primaten verbunden. Schon die biologische Klassifizierung des Menschen als Hominide zusammen mit Pongo, Pan und Gorilla in einer Familie deutet darauf hin, wie viele verbindende Elemente existieren, die sich über genetische Verwandtschaft und ökologische Anpassung hinaus auch auf epigenetische Merkmale und die Zeit viel diskutierte DNA-Methylierung erstrecken. Viele Gründe also, die Ergebnisse der Primatologie (eine Bezeichnung, der man in dieser wissenschaftlichen Community teilweise – wie ich erfuhr – aus verschiedenen Gründen durchaus kritisch gegenüber steht) auch bei der Erforschung menschlichen Verhaltens zu beachten. Grund genug jedenfalls für mich, die Göttinger Freilandtage 2011 zu besuchen, die vom 6.-9. Dezember letzten Jahres stattfanden. Einige Beobachtungen will ich im Folgenden hier gerne mitteilen.

Das Generalthema der Tagung lautete „Behavioral Constraints and Flexibility“ und warf daher grundsätzliche Fragen auf, die natürlich auch die Grenzen und die Flexibilität menschlichen Verhaltens erhellen können. Obwohl in der Ausschreibung durchaus interdisziplinär angelegt, fand am Ende nur ein Vortrag mit direktem Bezug zu menschlichen Verhalten seinen Weg in das Programm (M. Boos, J. Pritz, M. Beltz: Simple rules of leadership emerging on the move or: Do humans swarm? ). Er stellte Ergebnisse eines Experiments des Courant Forschungszentrums Evolution des Sozialverhaltens in Göttingen vor. Aber es gab einige weitere Arbeiten, die sich insgesamt auf das Sozialverhalten von Primaten bezogen oder aber in Modellstudien grundsätzlichere Fragestellungen zu beantworten suchten (z.B. M. Franz, O. Schülke, J. Ostner: Rapid evolution of cooperation). Die eingeladenen Vorträge stammten zum größeren Teil aus dem Bereich der Primatenforschung, aber auch ausgewiesene Spezialisten der evolutionären Theoriebildung wie Tim Clutton-Brock waren gekommen und die Forschung zum Sozialverhalten der Nagetiere war ebenfalls gut vertreten. Einen groben Überblick zu den behandelten Themen bietet die Internetseite der Tagung (http://www.soziobio.uni-goettingen.de/Kongresse/Freilandtage/gft2011/gft2011.php ). Allerdings fehlen dort inzwischen sowohl das eigentliche Programm als auch das Abstractheft, die während der Tagung dort heruntergeladen werden konnten. Sicher wird man diese aber vom Organisator der Tagung, Peter Kappeler, auf Nachfrage erhalten können.

Ohne in diesem kurzen Bericht auf einzelne Ergebnisse eingehen zu können möchte ich doch hervorheben, dass die gesamte Tagung die Diskussion über das sog. sozio-ökologische Modell des Primatenverhaltens, das maßgeblich von Carel van Schaik in den letzten zwanzig Jahren mitgeprägt wurde, wie ein roter Faden durchzog. B. Thierry stellt in seinem Vortrag sein synthetisches Modell des Sozialverhaltens der Primaten vor und die individuelle Plastizität des Verhaltens wurde ebenso thematisiert wie interspezifische Verhaltensunterschiede sowie deren Grenzen und Freiheitsbereiche. Das Erklärungspotential des sozio-ökologischen Modells des Primatenverhaltens scheint an manchen Stellen an seine Grenzen zu stoßen und es war deutlich das Bemühen zu verspüren, dieses Modell behutsam zu erweitern (z.B. gerade auch in Hinblick auf neuere Befunde zur Epigenetik und zur Neuroendokrinologie sowie Hinweisen aus genetisch fundierten Abstammungsbäumen [gene-based supertrees ]), um zu einem noch umfassenderen Erklärungsmodell zu gelangen. Louise Barrett fasste diese Ergebnisse in der Tagungszusammenfassung prägnant zusammen. Das all dies hochrelevant auch für das Verständnis menschlichen Verhaltens ist, erscheint mir selbstredend. Leider war die Zahl der Vertreter entsprechender Disziplinen auf der Tagung sehr begrenzt. Das ist bedauerlich, da somit auch hier im Bereich der Verhaltensforschung, entgegen des allseits viel berufenen Ziels der Interdisziplinarität, eine Spezialisierung und ein Rückzug in die eigene Scientific Community sichtbar wird. Und dies, das sei nochmals deutlich hervorgehoben, obwohl der Veranstalter diesem Trend durchaus aktiv entgegenzuwirken versucht. In Anspielung auf die diskutierte Frauenquote in Deutschen Vorstandsetagen sei daher uns allen ein Quote „fachfremder“ Tagungen empfohlen. Sie könnte sich, langfristig, durchaus positiv auf den Erkenntnisfortschritt auswirken.

Jörg Wettlaufer, ADW/GCDH Göttingen

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