Fr. Jan 22nd, 2021

Jahr: 2015

Der „Gral“ und die natürliche „Zauberkraft“ des menschlichen Seins.

Rezension zu Edward O. Wilson: „Die soziale Eroberung der Erde“, München 2013

Der größere Rahmen und Zusammenhang, in dem dieses Buch von Wilson zu betrachten ist, ist dadurch gegeben, dass im Mittelalter die Menschen in Europa ein einheitliches und in sich geschlossenes Weltbild besaßen, das die entscheidenden Fragen des Menschen nach seinem Woher, seinem wahren Sein und seinem Wohin umfassend beantwortete. Dieses Weltbild war ein religiöses und mythisches. Der Mythos bestand in der Idee eines übernatürlichen Schöpfergottes, der den Menschen und seine Kultur aber auch die den Menschen umgebende Natur und Welt geschaffen hat. Sinn, Verhalten und Aufgabe des Menschen waren allein durch diese mythische Idee vorgegeben. Die den Menschen umgebende Natur und Welt mit ihren Gesetzmäßigkeiten war dagegen nur nebensächliche Staffage ohne weitere Bedeutung.

Mit der Renaissance, Neuzeit, Aufklärung und modernen Naturwissenschaft änderte sich das, insbesondere durch die Evolutionstheorie wurde die Welt nicht mehr nur allein von einer einzigen, dogmatisch und emotional gestützten mythischen Idee her erklärt, sondern unter radikalem Ausschluss aller übernatürlicher Erklärungen nun mit einem wesentlich flexibleren Geist rational, empirisch und naturwissenschaftlich allein von der Natur und ihren Gesetzmäßigkeiten her. Der Erfolg dieses neuen Geistes war vor allem in technischer und medizinischer aber auch sozialer Hinsicht überwältigend. Nur in Bezug auf den Menschen selbst scheiterte diese Aufklärung im Desaster des Sozialdarwinismus, hier hält daher bis heute die mythische Erklärung des alten Geistes ihren letzten aber entscheidenden Brückenkopf. Sowohl der von Wilson in diesem Buch so sehr kritisierte Ansatz der Verwandtenselektion als auch der von ihm stattdessen vorgestellte Ansatz zur evolutionären Erklärung des menschlichen Seins sind Versuche dazu, den Mythos um das menschliche Sein umfassend und nachhaltig mit einer rein natürlichen Erklärung zu überwinden. Wilson sieht dabei nicht mehr das egoistische Gen, Verwandtenselektion und genetische Gesamtfitness als zentrale Erklärungsformel der Evolution auch des Menschen, sondern er sieht in der Sprache den „Gral“ und die natürliche „Zauberkraft“ der menschlichen Entwicklung und des menschlichen Seins.

Der menschliche Geist in der Evolution: „Affengeist“ oder mehr? Eine kritische Hinterfragung von Michael Blumes „Evolution und Gottesfrage“

 

Michael Blume, „Evolution und Gottesfrage“, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2013

Der Religionswissenschaftler Michael Blume verfolgt in diesem Buch mutig den Weg, die Gottesfrage interdisziplinär von der Evolution her anzugehen. Dabei bringt er allerdings ausführlich den evolutionären Theismus mit einer göttlich begründeten Emergenz von Darwins Zeitgenossen William Graham ins Spiel, von dessen Buch der studierte Theologe Darwin am Ende seines Lebens sehr angetan war. Doch der zwischenzeitlich bekennende Agnostiker Darwin lehnte diesen Theismus als Erklärung dafür, dass das Universum kein Resultat des Zufalls sei, sondern einer Zielgerichtetheit und einem göttlichen Willen unterliegt, die und der insbesondere das Sein des Menschen betrifft, schließlich mit den Worten ab: „Würde jemand den Überzeugungen eines Affengeistes trauen, wenn in einem solchen Geist Überzeugungen wären?“ In der ansonsten sehr guten Argumentation und Darstellung zum Thema Evolution und Religion von Blume zeigen sich auch darüber hinaus an manchen Stellen Widersprüche, die auf Widersprüche und Unvollkommenheiten in Darwins Evolutionstheorie selbst hinweisen. Ist der menschliche Geist nur ein etwas komplexerer Affengeist im Sinne Darwins, oder besitzt er eine Würde, die als neues emergentes geistiges Sein grundsätzlich und weit darüber hinausgeht, wie es schon der Mitbegründer der Evolutionstheorie, Alfred Russel Wallace, mit seinem leider spirtistisch begründeten Emergenzmodell behauptete? Erst mit dem in diesem Buch von Blume leider nicht erwähnten rein natürlich begründeten Schichtenmodell von Nicolai Hartmann lassen sich diese Auseinandersetzungen um die Rolle des menschlichen Geistes in der Evolution und damit auch um die Religion auflösen. Der menschliche Geist ist demnach kein Affengeist mehr, was die Evolutionstheorie von Darwin ohne jeglichen übernatürlichen Bezug auf natürliche, philosophische und naturwissenschaftliche Weise erweitert und fortführt.