Mi. Okt 28th, 2020

Monat: März 2015

Der „Gral“ und die natürliche „Zauberkraft“ des menschlichen Seins.

Rezension zu Edward O. Wilson: „Die soziale Eroberung der Erde“, München 2013

Der größere Rahmen und Zusammenhang, in dem dieses Buch von Wilson zu betrachten ist, ist dadurch gegeben, dass im Mittelalter die Menschen in Europa ein einheitliches und in sich geschlossenes Weltbild besaßen, das die entscheidenden Fragen des Menschen nach seinem Woher, seinem wahren Sein und seinem Wohin umfassend beantwortete. Dieses Weltbild war ein religiöses und mythisches. Der Mythos bestand in der Idee eines übernatürlichen Schöpfergottes, der den Menschen und seine Kultur aber auch die den Menschen umgebende Natur und Welt geschaffen hat. Sinn, Verhalten und Aufgabe des Menschen waren allein durch diese mythische Idee vorgegeben. Die den Menschen umgebende Natur und Welt mit ihren Gesetzmäßigkeiten war dagegen nur nebensächliche Staffage ohne weitere Bedeutung.

Mit der Renaissance, Neuzeit, Aufklärung und modernen Naturwissenschaft änderte sich das, insbesondere durch die Evolutionstheorie wurde die Welt nicht mehr nur allein von einer einzigen, dogmatisch und emotional gestützten mythischen Idee her erklärt, sondern unter radikalem Ausschluss aller übernatürlicher Erklärungen nun mit einem wesentlich flexibleren Geist rational, empirisch und naturwissenschaftlich allein von der Natur und ihren Gesetzmäßigkeiten her. Der Erfolg dieses neuen Geistes war vor allem in technischer und medizinischer aber auch sozialer Hinsicht überwältigend. Nur in Bezug auf den Menschen selbst scheiterte diese Aufklärung im Desaster des Sozialdarwinismus, hier hält daher bis heute die mythische Erklärung des alten Geistes ihren letzten aber entscheidenden Brückenkopf. Sowohl der von Wilson in diesem Buch so sehr kritisierte Ansatz der Verwandtenselektion als auch der von ihm stattdessen vorgestellte Ansatz zur evolutionären Erklärung des menschlichen Seins sind Versuche dazu, den Mythos um das menschliche Sein umfassend und nachhaltig mit einer rein natürlichen Erklärung zu überwinden. Wilson sieht dabei nicht mehr das egoistische Gen, Verwandtenselektion und genetische Gesamtfitness als zentrale Erklärungsformel der Evolution auch des Menschen, sondern er sieht in der Sprache den „Gral“ und die natürliche „Zauberkraft“ der menschlichen Entwicklung und des menschlichen Seins.