Mo. Nov 30th, 2020

Jahr: 2015

Der Heilige Gral des Bewusstseins

Wir leben heute in einem Zeitalter des Materialismus und absoluten Realismus mit einem materiellen (statt geistig-kulturellen) Wachstumsideal und exponentiellen Zuwächsen (in einer begrenzten Biosphäre) nicht nur hinsichtlich der Weltbevölkerung, sondern auch in Bereichen wie Informationstechnologien, Mobilität, Waffentechnologien, Ressourcenverbrauch, Umweltzerstörung usw. Alles scheint möglich, der Mensch ist schon auf dem Mond spazierengegangen, er hat seinen eigenen genetischen Bauplan entschlüsselt und Waffen entwickelt, mit denen er sich mehrfach selbst vernichten kann. Und nun kündigt der als berühmtester Biologe unserer Zeit bezeichnete Amerikaner Edward O. Wilson einen neuen, vielleicht sogar den größten Meilenstein im technisch-materiellen Siegeszug der modernen Naturwissenschaften an: Die Entschlüsselung und Erklärung des Denkens von der materiellen Grundlage her.

Der nur noch hypothetische Realismus der modernen Naturwissenschaft als dogmatischer, quasireligiöser Realismus-Glaube

 

Menschliches Wissen

Weil du liesest in ihr, was du selber in sie geschrieben,

Weil du in Gruppen fürs Aug ihre Erscheinungen reihst,

Deine Schnüre gezogen auf ihrem unendlichen Felde,

Wähnst du, es fasse dein Geist ahnend die große Natur.

So beschreibt mit Figuren der Astronome den Himmel,

Dass in dem ewigen Raum leichter sich finde der Blick,

Knüpft entlegene Sonnen, durch Siriusfernen geschieden,

Aneinander im Schwan und in den Hörnern des Stiers.

Aber versteht er darum der Sphären mystische Tänze,

Weil ihm das Sternengewölb sein Planiglobium zeigt?

(Friedrich Schiller)

Kann die moderne Naturwissenschaft in Form der Biologie das Rätsel des Bewusstseins lösen, in ihrem Weltbild des Realismus das menschliche Wissen so umfassend erweitern, in sich als Realität erklären und bestätigen und damit die bisherigen Geisteswissenschaften überflüssig machen, die mit ihrer zweitausendjährigen Tradition an diesem Rätsel angeblich gescheitert sind? Diese Ansicht und dieser Anspruch wird zumindest von dem Biologen Edward O. Wilson in seinem neuen Buch „Der Sinn des menschlichen Lebens“1 vertreten. Doch bei näherer und kritischer Betrachtung dieser Ansicht zeigt sich, dass genau umgekehrt die Naturwissenschaften bei ihren Problemen die Hilfe der alten Geisteswissenschaften benötigen, um ihren nur noch »hypothetischen Realismus« zu überwinden, der sich darin als ein dogmatischer und quasireligiöser Realismus-Glaube entpuppt.

Der „kleine Käfig [oder die platonische Höhle] des Bewusstseins“

Kann die moderne Naturwissenschaft in Form der Biologie das Rätsel des Bewusstseins lösen, und damit die bisherigen Geisteswissenschaften überflüssig machen, die mit ihrer zweitausendjährigen Tradition an diesem Rätsel gescheitert sind? Diese Ansicht und dieser Anspruch wird zumindest von dem Biologen Edward O. Wilson in seinem neuen Buch „Der Sinn des menschlichen Lebens“1 vertreten. Aber bei näherer und kritischer Betrachtung zeigt sich, dass genau umgekehrt die Naturwissenschaften bei ihren Problemen die Hilfe der alten Geisteswissenschaften benötigen.

Eine „neue Synthese“ der Theorien von Edward O. Wilson und Konrad Lorenz

Im Jahr 1973 eremitierte Konrad Lorenz mit 70 Jahren als Direktor des Max-Planck-Instituts. Gleichzeitig befand er sich in diesem Jahr mit der Verleihung des Nobelpreises und dem Erscheinen seines als Hauptwerk bezeichneten Buches „Die Rückseite des Spiegels“ auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn. Doch schon kurz danach verlor sein wissenschaftliches Werk rapide an Bedeutung und Ansehen. Denn 1975 veröffentlichte der amerikanische Biologe Edward O. Wilson sein Buch „Sociobiology – The New Synthesis“, mit dem die neue naturwissenschaftliche Disziplin der Soziobiologie begründet wurde. Während für Lorenz besonders die evolutive Entstehung des Geistig-Kulturellen beim Menschen so entscheidend war, dass er das in seinem Hauptwerk mit der Entstehung des Evolutionsprozesses selbst verglich und gleichsetzte, spielte das in der Soziobiologie überhaupt keine Rolle, d.h. die Soziobiologie unterwarf auch das Geistig-Kulturelle und Soziale beim Menschen den genetischen Gesetzmäßigkeiten der sogenannten Verwandtenselektion. Selbst das von Lorenz mit gegründete und lange Zeit geleitete Max-Planck-Institut lief mit den neuen Verantwortlichen nach kurzer Zeit ins Lager der Soziobiologie über. Das wissenschaftliche Interesse an Lorenz war damit schon kurz nach seinem Höhepunkt innerhalb kürzester Zeit erloschen und sein Wirken Geschichte.